- Für Warnungen der Bevölkerung im Krisenfall ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) zuständig. Es ist verantwortlich für die Warn-Infrastruktur, die neben Sirenen heute auch den Mobilfunkdienst Cell Broadcast, Warn-Apps wie NINA oder Katwarn, und weitere Kanäle umfasst.
- Die letzten bundesweiten Warntage haben gezeigt: Cell Broadcast erreicht die meisten Menschen – mittlerweile über 70 Prozent. Das BBK empfiehlt aber dringend, zusätzlich eine Warn-App auf dem Smartphone zu installieren.
- Außerdem sei erforderlich, die Eigenvorsorge der Bevölkerung zu verbessern. Informationsmaterial und Checklisten des BBK helfen dabei. Dies trage zur nötigen Resilienz in Krisen- und Katastrophenfällen bei.
In Krisenzeiten zählt jede Minute: Ob Hochwasser, Unwetter oder Waldbrand – eine schnelle Warnung der Bevölkerung kann Leben retten. In Deutschland ist das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, kurz BBK, zuständig für die nötige Infrastruktur, mit der Menschen rechtzeitig informiert werden. Dabei spielen nicht mehr nur Sirenen eine Rolle: Smartphones, Warn-Apps und der Mobilfunkdienst Cell Broadcast sind zentrale Instrumente der Krisenkommunikation. Doch wie erreichen Warnungen wirklich alle Bürgerinnen und Bürger? Und wie lassen sich Panik, Alarm-Müdigkeit oder Überforderung vermeiden?
In der jüngsten Folge unseres Podcasts „MobilfunkTalk“ sprechen wir mit Marianne Suntrup. Sie arbeitet beim BBK im Referat Strategische Kommunikation und Presse. Im Gespräch mit ihr wird deutlich: Technik allein reicht nicht – es kommt ebenso auf Vertrauen, Verständlichkeit und gezielte Botschaften an.

Marianne Suntrup arbeitet beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe im Referat Strategische Kommunikation und Presse. Sie betont die wichtige Rolle von Vertrauen, Verständlichkeit und gezielten Botschaften in jeder Krisenkommunikation.
Marianne Suntrup erklärt: Wir sind in Deutschland für Katastrophenfälle sehr gut aufgestellt – deutlich besser als noch vor einigen Jahren. Deutschland setzt auf einen breiten Warnmittel-Mix, also auf eine Mischung aus verschiedenen Warnkanälen: Cell Broadcast, Warn-Apps, Sirenen, Rundfunk sowie weitere digitale Kanäle. Die letzten Bundeswarntage haben belegt, dass dieser Mix funktioniert.
Der auf den Mobilfunknetzen basierende Warndienst Cell Broadcast wurde 2022 eingeführt. Dabei handelt es sich um eine lokale Benachrichtigungsfunktion, die Warnmeldungen an alle Mobiltelefone aussendet, die in einem bestimmten Bereich des Mobilfunknetzes angemeldet sind. Das können eine oder mehrere Mobilfunkzellen sein, auch bundesweite Warnungen sind möglich. Im von Marianne Suntrup angesprochenen Warnmittel-Mix ist dieser Dienst das neueste Instrument. Dennoch wird er bereits gut angenommen – Cell Broadcast ist der Kanal, der am meisten Menschen erreicht. Gemäß Analysen der letzten Warntage sind es über 70 Prozent.
Herausforderungen in diesem Zusammenhang sind vor allem ältere Mobiltelefone, die noch nicht für diesen Mobilfunk-Warndienst ausgelegt sind. Zudem muss das Handy eingeschaltet sein und darf nicht auf Flugmodus geschaltet sein. Abschaltbar sind Benachrichtigungen der höchsten Warnstufe im Gegenzug nicht.
Jeder sollte eine Warn-App installiert haben
Ergänzend spielen auch Warn-Apps wie „NINA“ oder „KATWARN“ eine wichtige Rolle. Die Nutzerquoten sind hier allerdings nicht ganz so hoch wie bei Cell Broadcast, da man diese Apps selbst herunterladen und installieren muss. Die vom BBK veröffentlichte App NINA habe derzeit rund 12 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer. Marianne Suntrup weist auf die Vorteile dieser Apps hin: Sie können mehr und somit detailliertere Informationen transportieren als zum Beispiel Cell Broadcast – und erheblich mehr als beispielsweise eine Sirene. „In den Apps bringen wir zum Beispiel auch die Informationen unter, wie man sich im jeweiligen Notfall verhalten soll.“ Das BBK werbe deshalb aktiv für die Installation und Nutzung der genannten Warn-Apps.
Hinzu komme mittlerweile auch die Nutzung von Social Media als Warnkanal. „Bei warnrelevanten Ereignissen werden innerhalb kürzester Zeit auch Posts auf Social Media ausgetauscht“, so die BBK-Expertin. „Das hat den Vorteil, dass die Warnungen schnell ausgetauscht und verbreitet werden – kann aber auch den Nachteil haben, dass Falschinformationen im Umlauf geraten oder sogar Desinformationen bewusst gestreut werden.“ Deshalb seien die Aktivitäten auf Social-Media-Kanälen heute immer auch Teil einer Katastrophenlage.
Klassische Warnmittel wie Sirenen spielen immer noch eine Rolle
Trotz aller digitalen Kanäle wird im Gespräch deutlich, dass auch klassische Warnmittel wie Sirenen nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Das Sirenennetz sei wichtig für das Sicherheitsempfinden der Menschen – und kann im Warnmix dazu aufrufen, sich über andere Kanäle über die Detail der Notlage zu informieren. „Sirenen können etwa auch nachts die Menschen aus dem Bett holen und vermitteln: Achtung, es ist etwas passiert. Informiere dich weiter, schalte das Radio an, schaue auf deine Warn-App.“
Die begleitende Forschung, so Marianne Suntrup, zeige, dass sich Menschen in Katastrophenfällen überwiegend rational und prosozial verhalten. In Panik gerieten die wenigsten. „Wenn man eine Warnmeldung bekommt, dann setzt sich ein individueller Entscheidungsprozess in Gang. Man muss zuerst die Warnung interpretieren, hinterfragen, überprüfen und bewerten – und dann entscheiden, wie man reagiert.“ In dieser Situation sei entscheidend, dass man den Kanälen, über die die Warnung verbreitet wird, auch vertraut.
Es gebe aber auch das Phänomen der Warnmüdigkeit: Wenn zu häufig gewarnt wird wegen scheinbar Bagatellen, besteht die Gefahr, dass die Menschen die Warnungen nicht mehr ernst nehmen. Deswegen erfordere der Einsatz der Warnkanäle sehr viel Fingerspitzengefühl bei den warnenden Stellen.

Bei Gefahren wie Bränden, Hochwasser, Stürmen oder Bombenfunden warnt immer die zuständige Stelle vor Ort.
Grundsätzlich gilt im föderal aufgebauten Deutschland: Jeder warnt für die Ereignisse, für die man auch zuständig ist. „Dazu haben die Länder den Katastrophenschutz und der Bund den Zivilschutz. Warnungen vor Gefahren wie Bränden, Hochwasser, Stürmen kommen immer von den warnenden Stellen vor Ort.“ Wetterwarnungen wiederum werden vom Deutschen Wetterdienst, DWD, ausgesprochen.
Problembewusstsein vorhanden, Eigenvorsorge ausbaufähig
Auch wegen der weltpolitischen Situation habe sich das Problembewusstsein in der Bevölkerung beim Thema Sicherheit in den letzten Jahren positiv verändert. Die Herausforderung sei, die Menschen dazu zu bekommen, selbst Vorsorge zu treffen. Dies habe bisher nur weniger als die Hälfte der deutschen Bevölkerung getan. Dazu zähle ein Notfallvorrat zu Hause, aber auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Warnung und die bereits angesprochene Installation einer Warn-App auf dem Smartphone. Einen alltagstauglichen Ratgeber mit Checklisten hat das BBK auf seiner Website veröffentlicht.
Abschließend resümiert Marianne Suntrup: „Erfolgreiches Warnen braucht einen Dreiklang: Erstens sehr gute und robuste Technik. Zweitens klare Prozesse und Zuständigkeiten. Und drittens eine sehr gut informierte Bevölkerung“. So seien die erforderliche Resilienz und das nötige Bewusstsein am besten zu erreichen.
Veröffentlicht am 20.01.2026