Wie unterstützt 5G Zootierärzte und Verhaltensforscher? Interview mit Dr. Arne Lawrenz

Zoos leisten einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz. Dabei kann sie auch Mobilfunk unterstützen. Was zum Beispiel dahinter stecken kann, erläutert Dr. Arne Lawrenz, Direktor des Grünen Zoo in Wuppertal und erfahrener Zootierarzt. Er und viele weitere Tierforscher planen überraschende, aber für die Zoologie und die Erhaltung bedrohter Tierarten sehr wichtige Anwendungen auf Basis des 5G-Mobilfunkstandards.

Dr. Arne Lawrenz
 

Wie kann Mobilfunk bei der Erforschung von Tieren helfen?

In einem Zoo wie unserem findet auch sehr viel Forschung statt – und dabei hilft uns auch Technologie. Ein Beispiel: Im Grünen Zoo Wuppertal haben wir mit der Freiflugvoliere Aralandia eine der größten Ara-Volieren Europas. Diese Papageienvögel tragen Radiohalsbänder, mit deren Hilfe wir zum Beispiel Bewegungsmuster ermitteln können. Warum tun wir das? Wir betreiben in Aralandia sozusagen eine Paarbörse für Hyazinth-Aras – die Aras kommen zu uns, damit wir sie hier auf natürlichem Wege verpaaren, um die Nachzucht zu verbessern. Dazu müssen wir aber wissen, welche Vögel überhaupt ein Paar sind. Auch für uns Fachleute sind sie alle blau und sehen alle weitgehend gleich aus. Es gilt viele Fragen zu beantworten: Wann sind zwei Vögel ein Paar? Ist es Liebe auf den ersten Blick oder dauert es Wochen oder Monate, bis sie zueinander finden? Wie lange bleiben sie zusammen, kommt es nach zwei, drei Brutzeiten wieder zu einer Scheidung? Da gibt es sehr viele Fragen, die wir noch erforschen müssen. Die Technologie soll uns dabei helfen.

Welche Rolle kann dabei der neue 5G-Mobilfunkstandard spielen?

Aktuell funktioniert die Ortsbestimmung der Vögel recht umständlich: Die Radiohalsbänder senden ein VHF-Signal aus, das in der Voliere über spezielle Antennen aufgefangen und durch Triangulation ausgewertet wird. Von 5G versprechen wir uns Verbesserungen und Erleichterungen. Wuppertal will digitale Vorzeigekommune werden, und das soll auch eine umfassende 5G-Versorgung auf dem Zoogelände umfassen. Mit dieser leistungsfähigeren Mobilfunktechnik ließe sich die Ortsbestimmung der Aras einfacher, aber gleichzeitig präziser umsetzen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen, wie der Mobilfunk unsere Arbeit erleichtern würde. Auch Forscher arbeiten heute nicht mit nur mit Stift und Papier, sondern zum Beispiel auch Tablets, die eine stabile Online-Verbindung brauchen. Außerdem will ich als Zoodirektor auch die Jugend wieder in den Zoo bringen. Doch junge Menschen nutzen in jeder Lebenslage selbstverständlich ihr Smartphone. Das beeinflusst ihr Nutzungsverhalten – sie wollen keine Schilder lesen, sondern QR-Codes scannen und sich Videos anschauen. Solche Erwartungshaltungen müssen wir als Zoo bedienen, um unserer edukativen Rolle gerecht zu werden. All das setzt gute Mobilfunkversorgung im Zoo voraus.

Mobilfunkanwendungen in der Tierforschung sind vermutlich nicht allein auf die Aras begrenzt – gibt es weitere Beispiele?

Vergleichbare Anwendungsszenarien gibt es tatsächlich bei sehr vielen Tierarten. Wir wollen mehr über ihre Verhaltens- und Bewegungsmuster erfahren: Wie werden die zur Verfügung stehenden Areale genutzt, wo halten sich die Tiere wie lange auf? Wenn wir nur noch Halsbänder oder ähnliche Sender brauchen, aber keine Antennen und aufwändige Sensortechnik, lässt sich dies für viel mehr Tierarten im Zoo realisieren.

Gibt es auch noch weitere Vorteile für die Besucher?

Wie schon gesagt setzen gerade jüngere Zoobesucher eine zuverlässige und ununterbrochene Online-Versorgung heute als selbstverständlich voraus. Aber wir wollen zum Beispiel auch Besucherströme messen und so einen Überblick darüber haben, wo sich gerade besonders viele Menschen auf dem Zoogelände versammeln oder wie voll die Tierhäuser gerade sind. Gerade zu Corona-Zeiten sind das wichtige Fragen, aber auch darüber hinaus sollen die Antworten darauf das Erlebnis eines Zoobesuchs schon in naher Zukunft verbessern.

Doch nochmal zurück zu den Aras: Wenn sich ein Paar gefunden hat, wie geht es dann eigentlich weiter?

Die Nachzucht erfolgt dann in den anderen Institutionen, die uns die Aras geschickt haben – also zum Beispiel anderen Zoos. Auf längere Sicht wollen wir die Tiere auch wieder auswildern. Auch da werden die Halsbänder eine wichtige Rolle spielen: Wenn wir die Aras etwa in Brasilien freilassen, müssen wir sie über längere Zeit verfolgen können. Überleben sie überhaupt längere Zeit, können sie den fragmentierten Regenwald überfliegen, wie groß sind die Streifgebiete? Diese Fragen müssen und wollen wir beantworten.

 

Veröffentlicht am: 26.11.2021