Wie 5G die Inklusion in den Arbeitsmarkt voranbringen kann

Laut Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention haben behinderte Menschen ein gleichberechtigtes Recht auf Arbeit. Von der Umsetzung dieses Rechts ist Deutschland weit entfernt, derzeit wird die gesetzlich festgelegte Quote von 5 Prozent für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung nicht erreicht. Ob und wie wissensbasierte Assistenzsysteme die Inklusion voranbringen können, ist Gegenstand eines 5G-Projektes, das jetzt in den Iserlohner Werkstätten gestartet ist. Projektpartner sind die Gesellschaft für Bildung und Beruf e.V. (GBB) Dortmund, die Iserlohner Werkstätten gGmbH und die University of Europe for Applied Sciences, Campus Iserlohn. Wir haben mit Dr. Bärbel Winter, Leiterin Forschungsbereich Digitale Medien der GBB, über das jetzt gestartete Projekt gesprochen.

Dr. Bärbel Winter


Welche mit 5G-vernetzten digitalen Assistenzsysteme sollen in dem Projekt zum Einsatz kommen?

In den Iserlohner Werkstätten kommen 5G-fähige XR-Brillen[1], Tablets, Smartphones und Notebooks zum Einsatz. Wir beobachten kontinuierlich den Markt in Bezug auf weitere 5G-fähige Devices. Z. B. 5G-fähige Smart Watches, also insgesamt alles „Werkzeuge“, die vom oder am Menschen getragen werden und zum Einsatz kommen können. Im Verlauf des Projektes werden wir dann auch gestaffelt weitere marktneue digitale Assistenzsysteme erproben. Die Vernetzung dieser Systeme erfolgt über ein 5G Campusnetz und bietet das Potenzial für eine dezentrale Unterstützung von Menschen mit Beeinträchtigung durch moderne, ergänzende Wissensmanagement-Systeme.

[1] Darunter versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Mit Hilfe solcher Brillen lassen sich weiterführende Informationen zu Gegenständen in der realen Welt vor den Augen einblenden.

Wie können Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen davon profitieren?

In diesem Projekt werden die bisherigen technologischen Grenzen vernetzter Assistenzsysteme überwunden und erstmals synchrone Formen des Wissensmanagements innovativ mit intelligenten Devices an dezentralen Arbeitsorten verbunden. Ich möchte das gerne am Beispiel eines Pilotprojektes, das wir im Bereich der Montage durchführen, verdeutlichen:

Wenn es im Produktionsvorgang zu einem Problem kommt, brauchen Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung die Unterstützung einer Fachkraft oder Gruppenleitung, die beispielsweise Hilfestellungen zur Arbeitsaufgabe gibt. Diese ist aber räumlich manchmal nicht erreichbar, so dass es zum Stillstand im Arbeitsprozess kommt. Im Pilotprojekt wird erprobt, wie mittels einer 5G-fähigen AR-Brille eine Verbindung zur Fachkraft oder zur Gruppenleitung hergestellt wird. Die Fachkraft oder Gruppenleitung sieht den Montageplatz auf ihrem 5G-fähigen Smartphone abgebildet und gibt dem Mitarbeitenden Hilfestellung, und sieht dabei zeitgleich, wie diese Person die Aufgabe durchführt. Es kommt zu einem synchronen Feedback, Ausfallzeiten werden reduziert. Gleichzeitig erhöht sich die digitale Kompetenz der Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung.

Warum wird dafür 5G benötigt?

Gerade in Produktionsumgebungen aber auch z. B. in Pflegeheimen ist eine online-Vernetzung bislang kaum möglich. Wir brauchen robuste, stabile Anbindungen, um Realbilder live übertragen zu können. Das ist unter anderem von Bedeutung, da es ein Ziel ist, diese Personen in Außenarbeitsplätze des ersten Arbeitsmarkts zu vermitteln. Sie brauchen just-in-time eine Hilfe ihrer Gruppenleitung oder anderer Kollegi:nnen.

Wo liegen die Herausforderungen?

Eine Herausforderung liegt sicher darin, Unternehmen nicht nur technologisch die Möglichkeiten von 5G aufzuzeigen, sondern insbesondere den damit verbundenen sozial-integrativen Aspekt zu verdeutlichen. Hierzu errichten wir aktuell eine Demonstrationsumgebung und sofern es die Pandemiesituation zulässt, werden wir ab dem 2. Quartal 2022 Unternehmen, Werkstätten für Behinderte aber auch Vertreter:innen aus Politik und Gesellschaft in unser „5G RealLabor Inklusion 4.0“ einladen, um sich diese Möglichkeiten vor Ort in der Iserlohner Werkstatt demonstrieren zu lassen und in den Austausch zu kommen. Es ist zu bedenken, dass wir ein europaweit einzigartiges Projekt in der Behindertenhilfe durchführen und froh sind hier die Unterstützung des Landes NRW bekommen zu haben. Und dass wir mit den Iserlohner Werkstätten einen innovativen Praxispartner gefunden haben.

Wo sehen Sie die größten Potentiale?

Neben technischen Möglichkeiten und Möglichkeiten der Akzeptanzerhöhung, sehe ich die größten Potenziale insbesondere in der Einbindung von 5G basierten Assistenzsystemen in weiteren typischen Arbeitstätigkeiten wie Metall- und Holzverarbeitung, Logistik, Pflege, Gastronomie, Garten- und Landschaftsbau, Verpackung und Kommissionierung und andere mehr. Mit dem Projekt wollen wir einen Beitrag zum 5G Technologie- und Wissenstransfer für das Land Nordrhein-Westfalen und darüber hinaus leisten. Darum wird unser Projekt fortlaufend seitens der University of Europe for Applied Sciences (Iserlohn) evaluiert und aufbereitete Forschungsergebnisse in den Transfer gebracht. Zum einen werden diese, wie gerade erwähnt, interessierten Unternehmen, Werkstätten, Mulitplikator:innen und Stakeholdern im 5G RealLabor Inklusion 4.0 vorgestellt, zum anderen werden wir auch eine Wissenschaftliche Fachtagung organisieren, um auch im Bereich der Forschung und Entwicklung unsere Ergebnisse vorzustellen, zu diskutieren und zu reflektieren.

Welche Kooperationen sind für die Umsetzung dieses Projekts notwendig?

Wir haben früh einen Projektbegleitkreis eingerichtet, der aus circa 20 Mitgliedern aus Unternehmen (Anwender und Anbieter), Wissenschaft, Politik, Werkstätten für Menschen mit Behinderung, Kammern und Kostenträgern besteht. Hier wird regelmäßig über den Technologischen 5G Innovations-Projekt Fortschritt unter dem Aspekt der Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen berichtet und diskutiert und der Transfer seitens der Mitglieder unterstützt.

Im Rahmen von Transferveranstaltungen führen wir u.a. Webinare durch, in denen wir das Projekt „5G Wissensbasierte Assistenzsysteme Inklusion 4.0“ vorstellen und unter verschiedenen Schwerpunkten bearbeiten. Wichtige Kooperationspartner sind das Netzwerk Inklusion 4.0 und seine Akteure mit Expertise aus den Bereichen Digitale Assistenz und IT, Anwenderunternehmen- und Werkstätten, Verbänden und Wirtschaftsförderung, sowie das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum eStandards, das zusätzlich Expertise zu Standardisierung und Normung einbringt.

Aktuell wurden wir auch vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag gebeten, das Projekt im Rahmen der Roadshow 5G@Mittelstand vorzustellen.

Ein weiterer wichtiger Partner ist das 5G.NRW Competence Center, das die Projekte aus dem Förderwettbewerb 5G.NRW betreut. Diese und unser Projekt sind nur möglich durch die Förderung des Ministeriums für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen verbunden mit der Projektträgerschaft des Forschungszentrum Jülich GmbH.

 

Mehr Infos über das Projekt 5G Inklusion 4.0 gibt es in diesem Video: https://www.youtube.com/watch?v=WtH37YmrFLk

 

Veröffentlicht am 07.02.2022