Ist 5G schon wieder ein Auslaufmodell? Was steckt hinter den Plänen für 6G?

In den einschlägigen IT- und Telekommunikationsfachmedien finden sich Beiträge, die bereits erste Konzepte für den Nachfolger des Mobilfunkstandards 5G ankündigen. Dabei ist die Rede von Funknetzen, sie sich mit Hilfe von künstlicher Intelligenz permanent selbst optimieren, noch energieeffizienter arbeiten oder das Netzwerk selbst zum Sensor machen. Lohnt es sich da für Netzbetreiber überhaupt, noch Funknetze mit 5G aufzubauen, und für Anwender, 5G-taugliche Endgeräte zu kaufen? Ist es nicht sinnvoller, gleich auf 6G zu warten?

Zur Einordnung der Entwicklung hilft ein Blick ein paar Jahrzehnte zurück: Die technischen Generationen beim Mobilfunk folgen recht zuverlässig im Abstand von etwa 10 Jahren aufeinander: Der digitale GSM-Mobilfunk, der nach den ersten analogen Mobilfunknetzen als zweite Generation („2G“) gilt, debütierte etwa 1990. Im Jahr 2000 folgte UMTS/3G, im Jahr 2010 LTE/4G. Der Ausbau der Netze mit dem aktuellen 5G-Standard begann in Deutschland 2019, seit 2020 gibt es das 5G-Netz an immer mehr Standorten. Rechnet man diese Gesetzmäßigkeit weiter, ist „6G“ also etwa für das Jahr 2030 zu erwarten. Und auch danach dürfte die technologische Entwicklung weitergehen – mit 7G um das Jahr 2040 herum, 8G um 2050 und so weiter.

Wer 5G überspringen und auf 6G warten wollte, müsste also rund acht Jahre auf die Vorteile der aktuell leistungsfähigsten Mobilfunktechnologie verzichten. Weil sich der Mobilfunkmarkt aber deutlich in Richtung 5G entwickelt würden sich solche Anwender bei der Nutzung von Mobilfunk zunehmend ins Abseits begeben: 3G wurde bereits weitgehend abgeschaltet, 4G allein kann die zunehmende Nachfrage nach mobiler Übertragungskapazität nicht erfüllen und wäre auch mit der stetig wachsenden Zahl von Endgeräten überfordert.

Die Arbeit an der nächsten Mobilfunk-Generation beginnt viele Jahre vor ihrer Einführung

Warum aber wird dann innerhalb der Telekommunikations-Industrie jetzt überhaupt schon von 6G gesprochen? Der Grund ist die Entwicklungsarbeit, aus der neue Mobilfunkstandards entstehen: Auch mit der Arbeit an 5G wurde bereits viele Jahre vor dem Marktstart dieser Technologie begonnen. Zuerst müssen die technologischen Zielsetzungen und die Konzepte für ihre Umsetzung definiert werden. Dann gilt es, diese Ideen in klar definierten technischen Standards festzuschreiben. Auf dieser Basis beginnen Programmierer und Chip-Hersteller, erste Lösungen für den neuen Standard zu entwickeln. Diese fließen dann in Komponenten für Infrastruktur-Produkte und etwas später auch in die Endgeräte ein. All dies erfordert mehrere Jahre Entwicklung. Soll 6G um das Jahr 2030 herum einsatzfähig sein, muss die Arbeit daran jetzt beginnen.

Genau dies geschieht aktuell. So traf sich beispielsweise das Gremium IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers) Mitte Mai 2022 in Dresden, um dort im Rahmen eines Kongresses über erste Anforderungen und Ideen zum künftigen 6G-Standard zu diskutieren. Die IEEE engagiert sich in der Definition verschiedener Technologiestandards und trägt somit auch zur Standardisierung im Mobilfunk bei. Die Teilnehmer sprachen zum Beispiel über den Einsatz von künstlicher Intelligenz bei der Planung und Steuerung der Netze – 6G-Netze könnten ihre Topologie im Detail permanent an die aktuelle Nachfrage beziehungsweise die Standorte ihrer Nutzer anpassen. Selbst über Zukunftstechnologien wie Quantencomputer denken die Entwickler bereits nach.

5G++ Summit

((BU:)) Auf dem „5G++ Summit“, der Mitte Mai 2022 in Dresden stattfand, tauschten sich Ingenieure und Wissenschaftler über erste Ideen für den Nachfolgestandard zu 5G aus.

Ein weiterer Hintergrund für den vermeintlich frühen Beginn der Diskussionen über 6G ist allerdings auch, dass Hersteller, Verbände und Universitäten beziehungsweise Forschungseinrichtungen möglichst frühzeitig an der Entwicklung teilhaben wollen. Wer die Branche früh von seinen Ideen und Konzepten für 6G überzeugen kann, kann damit rechnen, bei der weiteren Entwicklung eine tragende Rolle zu spielen. Wer hingegen zu spät kommt, muss den Vorschlägen anderer Interessensgruppen folgen. Auch deshalb laufen die Diskussionen zur nächsten Generation der Mobilfunktechnik zunehmend warm – und damit einhergehend die Berichterstattung in Fach- und Branchenmedien.

Der technologische Übergang von 5G heute zu 6G übermorgen wird fließend erfolgen

Für Endkunden und auch industrielle Anwender vielleicht noch viel wichtiger: Wie bei den vorherigen Mobilfunkgenerationen dürfte es auch zwischen 5G und 6G einen fließenden Übergang geben. Nicht umsonst betitelte das IEEE-Gremium seine Veranstaltung in Dresden als „5G++ Summit“ – und drückte damit aus, dass 6G eine Weiterentwicklung von 5G sein wird. Um das Jahr 2027 herum wird die Branche vielleicht von „5.5G“ sprechen – einer so deutlichen Weiterentwicklung der aktuellen 5G-Technik in Richtung der Nachfolgegeneration, dass man diese Technologie schon als halben Weg zu 6G bezeichnen kann. Auch die Netzbetreiber legen ihre Infrastruktur schon heute so aus, dass sie die nächsten wichtigen Schritte durch Software-Updates oder punktuelle Ergänzungen ihrer Technikkomponenten vollziehen können.

Mit Blick auf diese Entwicklung ist es für private wie auch geschäftliche Mobilfunknutzer deshalb sinnvoll, mit Endgeräten und Anwendungen am Puls der Zeit zu bleiben. Mal für acht Jahre auszusetzen war bei sich schnell weiterentwickelnden Technologien dagegen noch nie eine gute Strategie.

Veröffentlicht 3. Juli 2022