Interview mit Caritas-Präsident Peter Neher: „Sozial braucht digital“

Interview mit Caritas-Präsident Peter Neher: „Sozial braucht digital“
 

Die Digitalisierung gilt als die nächste große gesellschaftliche Revolution, die neueste Mobilfunkgeneration 5G bringt zusätzliche Dynamik in das Thema. Die zunehmende Digitalisierung verändert unser Zusammenleben und bietet neue Möglichkeiten in allen Lebensbereichen. Die Caritas hat  2019 in einer Kampagne unter dem Motto „Sozial braucht digital“ dazu aufgerufen, den digitalen Wandel mitzugestalten. Eine Forderung an die Politik war, den Fokus bei der Digitalisierung nicht nur auf Prozesse in Wirtschaft und Industrie zu richten, sondern den sozialen Bereich im Blick zu behalten. Wir wollen vom Caritas-Präsidenten Peter Neher wissen, warum Digitalisierung im sozialen Sektor wichtig ist, welche Erfahrungen es bereits gibt, wie die Resonanz auf die Kampagne war und wie es mit dem Thema weiter geht. Dr. Peter Neher ist gelernter Bankkaufmann, katholischer Theologe, Priester und seit 2007 Prälat. 2003 wurde Dr. Peter Neher zum Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes gewählt. Mit rund 659.870 beruflich Mitarbeitenden und mehreren hunderttausend ehrenamtlichen bzw. freiwilligen Helferinnen und Helfern in über 24.780 Einrichtungen und Diensten ist der katholische Wohlfahrtsverband einer der größten Arbeitgeber in der Sozialbranche in Deutschland.

Warum beschäftigt sich der Deutsche Caritasverband mit der Frage der Digitalisierung?

Wir wollen die Chancen der Digitalisierung deutlich machen, dabei auch die Risiken für die Menschen in den Blick nehmen und Lösungen anbieten. Die digitale Entwicklung ist nicht ohne die soziale Komponente zu denken. Wir wissen, dass auch soziale Arbeit digitale Zugänge braucht, Möglichkeiten und Tools, um nah bei den Menschen zu sein. Zudem leben wir zunehmend in einer Gesellschaft, in der digitale Teilhabe immer mehr zum Schlüssel für soziale Teilhabe wird.

Wie wichtig ist die digitale Teilhabe?

Wir erleben, dass digitale Teilhabe zu einer Voraussetzung für soziale Teilhabe geworden ist. Digitale Teilhabe darf aber keine Frage des Einkommens oder der Bildung sein. Ich bin davon überzeugt, dass neben einer verlässlichen Breitbandversorgung, öffentlich zugänglichen Computern oder freien WLAN-Hotspots, alle Menschen nicht nur einen Zugang zur Technik brauchen, sondern auch die Fähigkeit und Bildung, sie entsprechend nutzen zu können. Wir sehen ja, dass beispielsweise zunehmend mehr Vorgänge bei Behörden, Ämtern oder Banken online erledigt werden sollen. Dann müssen auch alle Menschen dazu befähigt werden. Dabei denke ich auch an diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen, die skeptisch mit der Technik umgehen, die eine Behinderung haben oder in prekären Lebenssituationen sind. Als Caritas sehen wir eine Lösung in einer umfangreichen Befähigungsinitiative zum Erwerb digitaler Kompetenzen für alle Altersgruppen. Damit Menschen mit Behinderungen und Einschränkungen, Langzeitarbeitslose, niedrigqualifizierte und ältere Menschen nicht zu digital Abgehängten der Gesellschaft werden. Für sie brauchen wir Extra-Angebote.

Welche digitalen Projekte gibt es bereits? Und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

In der Caritas gibt es bereits einige interessante digitale Projekte. Zum Beispiel unsere Caritas-Online-Beratung: an ihr wird deutlich, wie die analoge und die digitale Welt sinnvoll ineinandergreifen. Hier finden Ratsuchende Unterstützung, von der Beratung für schwangere Frauen bis zu Beratungen für überschuldete Menschen oder suizidgefährdete Jugendliche. Wir haben unsere Online-Beratung gerade konzeptionell, technisch und organisatorisch ganz neu aufgestellt. Ein anderes gutes Beispiel ist die digitale Pflegedokumentation. In einigen Altenhilfeeinrichtungen der Caritas arbeiten Pflegerinnen und Pfleger mit der digitalen Dokumentation und erfahren, dass ihnen dadurch mehr Zeit für die Bewohnerinnen und Bewohner bleibt. Oder in einer unserer Caritas-Behindertenwerkstätten in Duisburg kommen die Arbeitshilfen der über 1200 Beschäftigten aus dem 3D-Drucker. Früher mussten dort alle Teile per Hand und ohne Hilfen zusammengebaut werden, das dauerte länger und es gab Fehlerquellen. In einem Kölner Altenzentrum kommen Virtual-Reality-Brillen zum Einsatz. Die Bewohnerinnen und Bewohner nutzen sie für einen Rundgang durch den Kölner Dom, der damit für sie möglich bleibt, obwohl der Ausflug körperlich nicht mehr machbar ist. Das sind nur einige von vielen digitalen Projekten der Caritas.

Was meinen Sie: Wie viel Digitalisierung ist notwendig, wo hilft sie und was ist sozial verträglich?

Wieviel digital braucht sozial? Eine wichtige Frage. Wir sind ihr im Rahmen unserer Caritas-Kampagne „Sozial braucht digital“ in einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage nachgegangen. Wir haben 6000 Menschen befragt. Dabei haben wir den Fokus auf digitale Entwicklungen im sozialen Bereich gelegt. Beispielsweise haben bei der Frage, ob digitale Assistenzsysteme für pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderung speziell gefördert werden sollten, rund 48 Prozent der befragten Menschen mit „unbedingt“ geantwortet. Weitere 35 Prozent meinten, dass die digitale Förderung und Entwicklung in diesem Bereich geprüft werden sollte. Damit stehen 83 Prozent einer Förderung eher positiv gegenüber. Ein Argument war, dass solch eine Situation jede und jeden treffen kann. Ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass bei der Umfrage rund 50 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer angegeben haben, einen Einsatz von Robotern in der Pflege eher positiv zu sehen. Überrascht hat uns dabei, dass die Skepsis bei den jüngeren Befragten am größten ist und mit zunehmendem Alter abnimmt. Der überwiegende Teil der 6000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist digital recht affin, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass es eine Online-Befragung war. Etwa 95 Prozent der Befragten nutzen täglich das Internet und E-Mail zur Kommunikation und 90 Prozent aller Befragten gaben an, dass sie täglich Messenger-Dienste und rund 72 Prozent täglich den Video-Dienst Youtube nutzen. Aber fast 83 Prozent der Befragten wollen nicht, dass ihre Daten von Unternehmen weitergegeben werden.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie in der Digitalisierung?

Der soziale Bereich braucht digitale Werkzeuge, das ist eine Chance. Es geht aber darum, den digitalen Raum verantwortungsvoll und sozial zu entwickeln. Risiken im digitalen Wandel sehe ich beispielsweise im Sammeln von persönlichen Daten, wenn das verantwortungslos oder auch ganz bewusst geschieht. Einige Firmen in den digitalen Märkten haben massive Monopol-Stellungen erreicht. Das sehen wir mit Sorge. Netzpolitik muss auch hier Sozialpolitik sein und die Menschen in ihrer Vielfalt im Blick behalten und ihnen Wahlfreiheit garantieren. Wer reguliert die Algorithmen in automatisierten Entscheidungsprozessen? Wer kontrolliert Systeme künstlicher Intelligenz? Wie werden die teils sehr persönlichen Daten und Profile geschützt? Teilweise entstehen detaillierter Profile unseres Verhaltens, unserer Aktivitäten und Haltungen. Menschen werden damit vorhersehbar und letztlich manipulierbar. Passgenaue Werbung bekommen wir ja schon und es gibt auch schon verhaltensbasierte Versicherungstarife. Datensouveränität der Bürgerinnen und Bürger ist dringend notwendig, damit sie selbstbestimmt die Macht über ihre Daten behalten. Auch die verbandliche Caritas ist hier Anwältin eines modernen Datenschutzrechts. Wenn die Caritas selbst Datenverarbeiterin ist, muss sie sich an hohen Standards von Datenschutz, Datensicherheit und Datensouveränität verlässlich messen lassen.

Was muss passieren, damit mit digitaler Hilfe gesellschaftliche Probleme gelöst werden können? Welche Beispiele gibt es?

Um in Zeiten der Digitalisierung für die Menschen vor Ort da zu sein, müssen neue Kooperationen und Lösungen strategisch bearbeitet werden. Deshalb haben wir uns beispielsweise im vergangenen Jahr mit vier anderen großen Wohlfahrtsverbänden, dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland und dem Bundesverband Deutscher Startups entschlossen, uns stärker auszutauschen, um effektiver zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen beitragen zu können und innovative Lösungen zu entwickeln. Dafür braucht es aber politische Rahmenbedingungen. Die Caritas erwartet dadurch starke Impulse zur Förderung von Innovationen und deren Verbreitung. Dabei geht es beispielsweise um die gemeinsame Entwicklung von Apps wie zur Sturzprophylaxe für ältere Menschen oder die Entwicklung eines digitalen Erinnerungsraumes für trauernde Menschen. Beim Thema Digitalisierung legt die Politik bislang den finanziellen Schwerpunkt eindeutig auf Wissenschaft und Wirtschaft. Das sehen wir kritisch. Die Sozialwirtschaft und die Wohlfahrtsverbände stehen relativ weit hinten an. Angesichts der technischen Herausforderungen, die noch auf uns zu kommen und in denen wir bereits mittendrin stehen, muss sich das ändern. Die Politik hat noch nicht erkannt, wie notwendig die Förderung des sozialen Bereiches ist.

Wie wird die mobile Kommunikation und die Digitalisierung die soziale Arbeit verändern und wie stellen sich Wohlfahrts- und Hilfsorganisationen darauf ein?

Die Caritas ist, wie alle Sozialverbände, im digitalen Wandel doppelt herausgefordert: sie muss neue Organisationsformen und Methoden suchen und finden, welche die Vorteile der Digitalisierung für ihre Patienten, Klientinnen, Ehrenamtliche und Mitarbeitende fruchtbar macht. Zugleich sind wir als Wohlfahrtsverband gefordert, auch die gesellschaftlichen Herausforderungen im Blick zu behalten. Es wird in Zukunft noch wichtiger werden, dass Menschen digitale Kompetenzen erwerben. Dies betrifft Schulen genauso wie lebenslanges Lernen. Die Entwicklung einer digitalen Gesellschaft, die dem Menschen dient, erfordert aber einen weiteren Blick als nur auf Wirtschaft und Wissenschaft zu schauen. Wir wissen, dass sich die Teilhabe sozial benachteiligter Menschen nur verwirklichen lässt, wenn es gelingt, die digitalen Entwicklungen im sozialen Bereich mitzudenken und reflektiert in die Praxis umzusetzen.