Was steckt hinter der Angst vor Mobilfunkstrahlung?

Die Einführung einer neuen Technologie - wie zum Beispiel derzeit bei der fünften Mobilfunkgeneration (5G) zu beobachten ist -  wirft häufig Fragen auf und löst zum Teil auch Ängste aus. Wir haben den anerkannten deutschen Risikoforscher Prof. Ortwin Renn zu den Hintergründen befragt. Professor Renn forscht zum Thema Risikowahrnehmung, Technikfolgenabschätzung, Risikokommunikation und Nachhaltigkeit.

Sie haben den Begriff des „Risikoparadoxes“ geprägt. Was ist damit gemeint?

Viele Menschen haben große Angst vor Risiken, die bei objektiver Betrachtung wenig Bedrohungspotenzial haben, und sind oft sorglos bei anderen Risiken, die ihr Leben oder ihre Gesundheit besonders bedrohen.

Warum sind Menschen verunsichert und haben Angst?

Angtsauslösend ist häufig der Mangel an persönlicher Erfahrung mit der Risikoquelle. Zunehmend sind wir Gefahren ausgesetzt, die wir weder sehen, riechen, hören oder schmecken können. Da sind wir auf Informationen durch Dritte angewiesen. Wenn sich aber diese Dritten selbst nicht einig sind oder sich widersprechen, sind wir verunsichert und es entsteht das Gefühl von Irritation und Angst. Oft werden solche Risiken besonders hoch bewertet, weil man keine Klarheit über ihre Größenordnung hat. Dazu kommt noch, dass man heute im Internet Bestätigung für jede noch so absurde Behauptung findet. Wenn ich aber selber diese Behauptungen nicht nachprüfen kann, werde ich schnell Opfer von gut aufgemachten Dramatisierungen oder Verharmlosungen.

Woher kommen die Ängste zum Beispiel vor Mobilfunkstrahlung?

Gerade hier trifft die Beobachtung zu, dass man diese Strahlung nicht sinnlich wahrnehmen kann: man ist auf Informationen anderer angewiesen. Und hier kochen viele Köche ihre eigene oft politisch oder weltanschaulich gefärbte Suppe. Zudem haben wissenschaftliche Methoden auch ihre handwerklichen Grenzen: Je kleiner das Risiko ist, das man sucht, desto schwieriger ist es, dieses mit Hilfe von Experimenten oder Studien nachzuweisen. Es lässt sich dann zwar nicht statistisch signifikant nachweisen – definitiv ausschließen kann man es aber auch nicht. Das erhöht letztlich die Verunsicherung und führt zu mehr Angst.

Wie schätzen Sie die Risikowahrnehmung der Bevölkerung beim Thema Klimawandel im Vergleich zum Mobilfunk ein und wie erklären Sie sich die Ursachen für Gemeinsamkeiten oder Unterschiede?

Risiken durch den Mobilfunk werden weniger als kollektive Risiken für die gesamte Bevölkerung, sondern stärker als individuelle Bedrohung der eigenen Gesundheit verstanden.  Kaum eine Person in Deutschland glaubt, einmal persönlich vom Klimawandel gesundheitlich oder auch wirtschaftlich stark betroffen zu sein, sieht aber eine große Bedrohung der Menschheit als Ganzes. Das ist bei Mobilfunk eher umgekehrt. Beiden ist aber gemein, dass die Gefahren weniger aus eigener Anschauung bekannt sind, sondern die Bedrohungen werden erst durch Kommunikation als solche wahrgenommen.

Wie entsteht das Phänomen der „gefühlten Wahrheit“?

Das Schlüsselwort hier ist: Plausibilität. Zusammenhänge erscheinen plausibel, wenn sie örtlich und zeitlich aufeinanderfolgen, wenn sie unseren mentalen Modellen von Ursachen und Wirkungen entsprechen und wenn sie eine narrative Assoziationskette auslösen, die unserem Erfahrungen im Alltag nahekommt oder zumindest ihnen nicht widerspricht. Bei komplexen Zusammenhängen sind aber diese Plausibilitätsanker selten gegeben: man denke nur an den Klimawandel, wo Emissionen in einem Erdteil über Jahrzehnte hinweg Auswirkungen, etwa in Form von Überflutungen, in anderen Erdteilen mit auslösen können. Das fühlt sich dann unplausibel an. Allerdings sind viele der gefühlten Wahrheiten faktisch nicht wahr oder häufig nur halbwahr. Dies ist aber schwer zu vermitteln, weil die Urteilsbildung nach Plausibilität tief in unserem Denken und Fühlen verankert ist.

Wie kommt es zu der großen Diskrepanz der Risikowahrnehmung von Laien und Experten?

Zunächst sind wir alle Laien außer in dem Bereich, in dem wir mehr wissen als andere. Gerade die rigorosen methodischen Regeln wissenschaftlicher Beweisführung sind ja dafür da, uns vor vorschnellen, oft plausiblen Urteilen zu bewahren.  Auf die Fallstricke der Plausibilität fallen Professorinnen und Professoren genauso herein wie ungelernte Arbeiter und Arbeiterinnen. Das ist keine Frage der formalen Bildung, wohl aber der eigenen speziellen Kenntnisse (etwa der Statistik). Dennoch kann natürlich Bildung über die zugrundeliegenden Mechanismen unser Wahrnehmung und über die mentalen Prozesse bei der Ausformung von vorschnellen Urteilen bzw. Vorurteilen helfen, uns gegen falsche und nur gefühlte Wahrheiten besser zu wappnen.

Wie können wir mit solchen Ängsten umgehen? Als Individuen und als Gesellschaft?

Wichtig ist, dass wir mehr Wissen über die Mechanismen der Wahrnehmung und der Urteilsbildung erwerben; je mehr wir lernen uns selber zu erkennen, desto schneller merken wir, wenn wir allzu leichtfertig plausibel anmutenden Argumenten Glauben schenken. Eine gesunde Skepsis gegenüber angeblich gesicherten Behauptungen ist immer angebracht und es lohnt sich dann auch, mal die Gegenseite per Suchbefehl aufzusuchen, um auch die anderen Argumente zu hören. Gesellschaftlich wäre es notwendig,  mehr „honest broker“ im Internet zu unterstützen, die evidenz-basiert Wahrheitsansprüche auf ihre Beweiskraft untersuchen und Hilfestellung geben, um verkappte Interessen, Weltanschauungen oder Verschwörungstheorien zu entlarven. 

Inwieweit können Kommunikation und Partizipation einen Lösungsbeitrag liefern?

Beides ist notwendig. Gerade weil die Gefahren häufig sinnlich nicht mehr erfahrbar sind, kann ich viele Gefahren nur noch kommunikativ vermitteln. Kommunikation ist aber ein vielschichtiges Instrument, das ich zur Aufklärung, aber auch zur Manipulation einsetzen kann. Oft ist das eine vom anderen nicht zu trennen. Wenn wir Bürgerinnen und Bürger darüber hinaus Gelegenheit geben, Entscheidungen, etwa über den Aufstellungsort von Antennen, mit bestimmen zu lassen, ist die Motivation, zwischen echten und gefühlten Wahrheiten zu differenzieren, besonders groß. Denn man will ja für die Mitbürgerinnen und Mitbürger weder unzumutbaren Gefahren zulassen noch harmlose Risiken überbetonen, wenn es ein großes Nutzenpotenzial für die betroffenen Personen gibt. Mit der Transformation vom Stammtisch zum Runden Tisch übernehmen die beteiligten Personen auch mehr Verantwortung und dann auch mehr gesunde Skepsis, um sich nicht von gefühlten Plausibilitäten beherrschen zu lassen.

Prof. Dr. Dr. Ortwin Renn ist Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam und Inhaber des Lehrstuhls „Technik- und Umweltsoziologie" an der Universität Stuttgart. Sein neuestes Buch heißt: Gefühlte Wahrheiten. Orientierung in Zeiten postfaktischer Verunsicherung, das im Verlag Barbara Budrich erschienen ist.